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Klarheit schlägt Design

28. Juli 2026

28.07.26

Es wird Zeit für einen Relaunch und eigentlich ist meist damit gemeint: „Wir brauchen ein neues Design”. Neues Layout, neue Typografie, neue Farben. Ich sehe das seit über 25 Jahren, und es ist fast nie die Lösung.

Wer nur die Optik verändert, kuriert Symptome. Das eigentliche Problem liegt tiefer, wie Pranava Tandra, Senior Product Designerin bei Intercom, beschreibt: Sie hat die Informationsarchitektur eines stark gewachsenen Produkts neu strukturiert, ohne die bestehenden Nutzer zu verlieren. Ihre Leitfrage war nicht „Wie sieht es besser aus?”, sondern: „Wie bringe ich Klarheit in etwas, das über Jahre organisch gewachsen und dabei unübersichtlich geworden ist?” Genau diese Frage sollte am Anfang jedes Relaunchs stehen.

Fünf Jahre sind eine kleine Ewigkeit

In fünf Jahren wird Neues nachträglich in bestehende Strukturen gequetscht. Nutzerverhalten und Anforderungen verschieben sich – denken wir an mobil, dann Sprachsteuerung, jetzt die KI-gestützte Suche. Inhalte häufen sich an, werden aber selten konsolidiert. Am Ende steht eine Seite, die „funktioniert”, aber niemand mehr erklären kann, warum ein Menüpunkt genau dort steht oder warum es drei Wege zur gleichen Information gibt. Wachstum ohne Aufräumen erzeugt Komplexität, die niemand bewusst so geplant hat.

Das merkt man relativ schnell als Außenstehender: Immer mehr „wichtige” Inhalte drängen als Teaser auf die Startseite, weil mit der Zeit die Nutzerführung abhandenkommt und am Ende alles ins Schaufenster der Startseite gestellt wird.

Der eigentliche Zielkonflikt

Ein Relaunch nach so langer Zeit ist erst einmal eine Aufgabe der Informationsarchitektur, keine Design-Aufgabe – die kommt anschließend. Und die bringt einen klassischen Konflikt mit sich:

Wer nur auf Einfachheit optimiert, verärgert die Treuen. Wer nur die bestehende Tiefe erhält, erbt die alte Unübersichtlichkeit gleich mit. Die Lösung ist keine Mitte zwischen beidem, sondern eine klarere Grundordnung, die beiden Bedürfnissen gerecht wird – mit Blick in die Zukunft.

Ein Beispiel

Genau diesen Fall hatte ich vor ein paar Jahren bei Werner Wirth, einem Hersteller für Verbindungstechnik und Komponentenschutz im internationalen B2B-Elektronikmarkt.

Die alte Website hatte fast jedes Symptom gleichzeitig: zu viele Navigationsebenen an unterschiedlichen Stellen, uneinheitliches Design, keine eigenständige Bildsprache, kein Wiedererkennungswert. Technisch war sie kaum pflegbar. Das Auffällige dabei: Die Auffindbarkeit über Suchmaschinen war gut bis sogar sehr gut. Aber Verweildauer und Folgeseiten-Besuche waren schwach. Ein klassisches Muster – sobald Interessierte dort sind, verlieren sie die Orientierung und gehen wieder.

Der Relaunch war deshalb kein Facelift, sondern ein kompletter Neuaufbau: mit komplett neuer Informationsarchitektur, mehr Struktur-Tiefe und durchgängigem Corporate Design. Das Ergebnis nach über einem halben Jahr: eine Seite, die nicht nur gefunden, sondern auch gehalten wird. Genau der Punkt, den auch Tandra macht – gute Auffindbarkeit bringt nichts, wenn die Struktur dahinter nicht trägt.

Redesignen ohne Verlust

Eine Informationsarchitektur lässt sich nicht über Nacht austauschen, ohne Reibung zu erzeugen. Was hilft:

  • Nutzungsdaten auswerten, bevor man etwas verändert
  • Card Sorting und Interviews, um zu verstehen, wie Menschen Inhalte gedanklich gruppieren
  • Schrittweise Kommunikation statt vollendeter Tatsachen
  • Redirects, die alte Gewohnheiten nicht ins Leere laufen lassen


Bevor also die erste Design-Skizze entsteht, lohnt die ehrliche Bestandsaufnahme: Wie ist die Struktur gewachsen, wo ist sie unlogisch geworden, welche Nutzergruppen bewegen sich heute wie und wo auf der Seite? Das neue Design ist “nur” die sichtbare Konsequenz einer Struktur, die wieder Sinn ergibt.





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