Besser reicht nicht
Genau am 3. Mai 2026 – dem Internationalen Tag der Pressefreiheit – haben 16 deutsche Stiftungen eine gemeinsame Mastodon-Instanz gestartet: stiftungen.social.
Hinter dem Projekt stehen sechs bekannte Initiatorinnen: die Robert Bosch Stiftung, die Rudolf Augstein Stiftung, die VolkswagenStiftung, die ZEIT STIFTUNG BUCERIUS, die Gemeinnützige Hertie-Stiftung und die Joachim Herz Stiftung. Zehn weitere Stiftungen, darunter die Bertelsmann Stiftung, die Körber-Stiftung und die Allianz Foundation, sind ebenfalls dabei. Nicht zu vergessen, die technische Umsetzung liegt bei Save Social https://savesocial.eu/ – Networks For Democracy.
Was mich daran interessiert, ist nicht die Plattform selbst.
Es ist mehr die Frage dahinter.
Warum braucht es 16 Stiftungen und ein symbolisch aufgeladenes Datum, um einen eigenen digitalen Kommunikationsraum zu schaffen? Und was sagt das über wiet aus bekanntere und reichweiten stärkere Kanäle aus?
Sichtbarkeit gehört niemandem – außer den Plattformen
Wer heute online und öffentlich kommuniziert, tut das meist auf fremdem Terrain. Die Infrastruktur gehört einer Handvoll Unternehmen, deren Entscheidungen über Reichweite, Sichtbarkeit und Inhalte nicht sehr transparent noch vorhersehbar sind. Das gilt für Einzelpersonen genauso wie für Organisationen, die eigentlich auf Unabhängigkeit angewiesen sind.
Mastodon bietet seit Jahren eine technische Alternative. Das Protokoll ist offen, der Code ist frei, die Architektur ist dezentral. Wer eine Instanz betreibt, bestimmt selbst die Regeln – ohne Algorithmus. Technisch ist das längst kein Experiment mehr.
Und trotzdem ist Mastodon für die Meisten kein ernsthafter Ort. Nicht weil die Technik versagt. Sondern weil dort kaum jemand ist, den man kennt.
Warum wir bleiben, wo wir sind
Ich beobachte dieses Muster seit vielen Jahren. Am deutlichsten beim Thema Messenger. Die Argumente für Signal oder Threema sind seit langem bekannt. So ist die bessere Verschlüsselung, kein Datenhunger, keine Konzernbindung und und und mittlerweile bekannt. Trotzdem kommuniziert der größte Teil weiterhin über WhatsApp.
Der Grund ist nicht Unwissenheit. Es ist die soziale Verankerung. WhatsApp ist nicht einfach eine App – es ist das Netz aus Gruppen, Absprachen und Gewohnheiten, das sich über viele Jahre aufgebaut hat. Wer wechseln will, muss nicht nur eine App installieren. Er muss ein soziales Gefüge bewegen.
Und das gelingt selten.
Das Ergebnis kennt fast jeder. Ein Signal-Account, den drei Kontakte nutzen und WhatsApp läuft unverändert weiter.
Zwei Prozent – und was das bedeutet
Bei sozialen Netzwerken ist das Muster dasselbe. Mastodon zählt weltweit rund 9,7 Millionen registrierte Accounts – aber nur etwa 770.000 davon sind monatlich aktiv. In Deutschland nutzen laut ARD/ZDF-Medienstudie 2025 gerade zwei Prozent der Bevölkerung Mastodon regelmäßig.
Instagram kommt auf 40 Prozent. Zum bessern Vergleich und Verständnis: X (Twitter) hat in Deutschland etwa 12,4 bis 15,2 Millionen monatlich aktive Nutzer:innen und Reddit liegt bei rund 16 Millionen monatlich aktiven Nutzenden in Deutschland, inklusive Mitleser von bis zu 32 Mio.
Diese Zahlen sind kein Urteil über die Qualität von Mastodon. Sie beschreiben, wo das Leben stattfindet. Und digitale Kommunikation folgt nun mal dem Leben – nicht umgekehrt.
Das ist der Kern des Problems. Ein Wechsel der Plattform ist immer auch ein Wechsel des sozialen Umfelds. Wer das unterschätzt, scheitert leider an der Realität menschlicher Gewohnheiten.
Nicht ersetzen, sondern aufbauen
Was mich an stiftungen.social überzeugt, ist die Bescheidenheit des Ansatzes. Hier will niemand Instagram ablösen oder X endgültig begraben. Die Stiftungen schaffen einen eigenen Raum – mit eigenen Regeln, eigener Moderation, eigener Verantwortung – und öffnen ihn für andere, die ähnlich denken.
Das ist kein Aufruf zum Absprung. Es ist eine Einladung zum Aufbau. Und das ist der einzige Weg, wie Plattformwechsel realistisch funktionieren. Plattformen werden nicht durch bessere Argumente abgelöst. Sie werden abgelöst, wenn sich Gewohnheiten verschieben, weil anderswo etwas entsteht, das zieht, interessiert, einfach zu abonnieren und bedienbar ist.
Was das bedeutet
Für Unternehmen und Organisationen, die digitale Kommunikation strategisch denken, stellt sich keine Entweder oder Frage. Die großen Plattformen bleiben vorerst relevant – das ist eine Tatsache, keine Kapitulation. Aber wer ausschließlich dort kommuniziert, macht sich vollständig abhängig von Entscheidungen, auf die er keinen Einfluss hat.
Stiftungen.social ist ein Beispiel dafür, dass es anders gehen könnte und werde es beoabachten. Nicht als Ersatz, sondern als parallele Struktur. Wer heute anfängt, einen solchen Ort mitzugestalten, ist früher dabei als der, der wartet, bis die kritische Masse schon da ist.

